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| rbd BAD ALCHEMY # 97 | |||||
| Mälzners Min kamp oder Der letzte Rank? Leben, Spielen, Schreiben, Tönen, Lieben...? Allemal großes Theater in 5 Akten: "Theater", "Kisten und Koffer", "Anepigraph", "Contenance oder A Day in the Life oder Müll", "Kleine Monumente im Regen" (letzteres jeweils Doppelpacks). Hör-Spiele, Dream-scapes, Textsorten, die bekannten Computerstimmen, die Palette auffallend elegisch mit Streichern und akustischer Gitarre, aber aufgelockert mit Vibes, Glockenspiel, seufzender Tür, erstaunlichen Einfällen. Ad nauseam? Oder doch wieder ein quintessentieller 'Zauberkoffer' voller 'Reminiszenzen', mit 'Inkompetenz-kompensationskompetenz' angefüllt mit 'Überübertext'? Sag nicht Projekt, wenn Du nicht Mälzner meinst! Sein Heimwerker-Vaterstolz ist beträchtlich, zumal
das Wort auch Fleisch geworden ist. Als Galatea, theatralisch verkörpert
durch die Bauernfeind, Confurius, Koschitz oder Mühe. In gedankenspielerischen
Deterritorialisierungen des persönlichen Raumes und der Schnittmengen
der Intimsphäre im Zug nach Irgendwo. Jede Versuchsperson im sozialen
Raum ein potentieller Provokateur oder Kontaminator des jeweiligen Territoriums.
Für durch Sinngrenzverletzungen ausgelöste Ohnmachten - wer
fällt heute noch in Ohnmacht? - sollten Erfrischungstüchlein
zur Hand sein. Entscheidend ist die Kompetenz, zwischen Kampfspiel und
Ernstfall zu unterscheiden. Notfalls - Fluchtreflex. Ebenfalls hilfreich:
Staubsaugen, Raumplanung - die Markku Peltola-CDs bitte unter P. Jedoch
gehören Kinder nicht in Kisten. "Contenance" ist so etwas wie der Stream of Consciousness einer Krankenhauspatientin mit Laber-, Läster- und Assoziationszwang. Sie wird entlassen, kauft ein, kommt heim - alles voller Scheißschimmel - sie hört Radio, Labersender, Ani Choying Dolma, die singende tibetische Nonne, sie lästert über den Ex-Mann (Charles Ives und Konsorten-Hörer), macht Hausfrauenarbeit, kauft nen Krimi, isst Toast Hawaii, glaubt den Ex-Mann zu sehen, hört lieber Beatles als Moustaki, wühlt in Erinnerungsmüll. Rituale des Alltags vor wachsenden Müllbergen, Bücherbergen, Bilderbergen, Schallplattenhalden, trotzdem - lieber Bücherjournal als Kriegs-Nachrichten, und dennoch - man sollte ausmisten, den materiellen Rest einer Zeit der Barbarei, Lebensspuren, Überbleibsel. Nachrichten nerven, Algerien nervt, dabei aber Casablanca-Erinnerungen, zappen von Müll zu Müll, zu müde zu allem, daher Licht aus, Augen zu. Mälzners bisher literarischstes Storytelling. Gefolgt von "...im
Regen", Flickwerk von Beifang, Banksterbashing, Bilanzen, wenn
nicht persönliche, so doch mit hohem Identifikationsfaktor: kein
sinnloses Leben voller Mißerfolge und Peinlichkeiten zugeben.
Wie hängen "Das Gespenst der Freiheit" und der Las Vegas-Killer
Stephen Paddock zusammen? Spricht, wie Antonio Lobo Antunes meint, jeder
nur von sich? Aber laut genug, um gehört zu werden. Und denkt man
dabei rechtzeitig an den finalen 'Wunschzettel'? ... bitte keine hohlen
Gebete / bitte kein schräger Gesang / bitte kein Öffnen des
Himmels / bitte kein Glöckchen / nur Erde auf die Reste. Ist es
anstrengend, Mälzner beim Denken, Ordnen, Fragen, Pflügen,
Säen zuzuhören, ist es anregend, oder wenigstens tröstend?
Ja und Ja und Nja. Die Süddeutsche Zeitung singt heute das Lob
des 'Sperrigen'. Mälzner ist nicht sperrig, er ist maßlos,
er ist in seiner unbeschränkten Anwendung hochkomplexer Selbstverständlichkeiten
eine kommunikative Zumutung und Überforderung. Aber er ist dabei
'einer von uns', Phänotyp der Epoche, die mit uns vergehen wird. | index | |