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  review O.T. TRILOGIE  

  rbd BAD ALCHEMY # 49   DAS DOSIERTE LEBEN # 48    
     
         
   
 

 

Ein Opus maximus des Mülheimer Duos Erik Mälzner & Jürgen Richter, in der gewohnt unverwechselbaren Kombination von Text & Ton. Den "grauen" Faden, der das Musique concrète-Triple zusammen hält, kann ich allerdings eher spüren als greifen. Ziffernblätter signalisieren verrinnende Zeit, den Lauf der Dinge. Dass O. T. für Leo Navratils Gugging-Patienten Oswald Tschirtner steht, dessen Zeichnungen die Einstürzenden Neubauten anregten, ist eher unwahrscheinlich. 1/3 erzählt von einem geizigen, misanthropen Altersheiminsassen im Beckett‘schen Endstadium und seiner lebenslangen Obsession von einer "Sirene" in die er sich als Sechsjähriger unsterblich "verliebt" hatte. Weder in der Ehefrau noch in einer späteren englischen Geliebten kann er sie wiederfinden, nur zersplittert in den Fotogesichtern von Schauspielerinnen wie Corinna Harfouch, Dagmar Manzel, Charlotte Rampling oder im Timbre von Dagmar Krause, Hermine, Marianne Faithfull, Nico, Meret Becker. Die Zeit vergeht. Er steht stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang am Fenster um sie wiederzusehen. To hear her again... Im Fernseher, im Radio. Er sammelt Schallplatten. Vergessen kann er sie nicht, will es auch nicht.... Die Fliegen setzen sich auf ihn... Die Biographie wechselt zwischen dritter und erster Person, Deutsch und Englisch, einem Brief des Namenlosen an die Geliebte, der schreibmaschinenklackernden Diagnose eines Arztes, an die Angehörigen adressiert. Eine Amour fou? Ein nicht gelebtes Leben? Zwischen Orakel und Bedeutung steht der Deuter.
2/3 geht dann, in der Form eines Sprechgesang-Interviews mit einer abwechselnd sprachrhythmisch perkussiven und an frühklassische Sonaten für Violine und Klavier gemahnenden oder algorithmisch vom Midi-Keyboard gespulten musikalischen Untermalung, der Frage nach, warum Beethoven nicht tanzen konnte. Die verteilten Stimmen von Annette Velske und Ulrike Dommer räsonnieren über Taubheit und Tinnitus und ob Religion eine Behinderung ist. In Sandalen durch den Matsch der Gedanken tapsend, wird nachgelauscht, ob Glocken fragen, mahnen oder irritieren und wie das Gehirn bestimmte wiederkehrende Pieptöne inmitten von Glockenläuten, Hundegebell oder Krähenkrächzen verarbeitet. Glockenläuten? ... und was sagt mir das? Sie trösten einen mit Habe genug Kleingeld und vertraue auf den, der das Papier in den Toiletten auffüllt und die Straßenbeleuchtung im Auge hat aus der Fülle seines Hirns heraus. Es steht in seiner Macht, mit dem neuen Morgen schon dein Kleid zu wenden! Und während der taube Beethoven mit den Geschichten einer taubstummen Konzertbesucherin und eines niedlichen Backfischleins intermittiert und noch bevor die Musik samplingbarock anschwillt und ausklingt, wird auch eine Antwort gefunden: Beethoven konnte nicht tanzen... weil er musikalisch war ...
Grotesk.
Der Anklang, den das nerdige Interviewniveau hier bereits an den 10 vor 11-Ton Alexander Kluges stiftet, verstärkt sich bei 3/3 in der Prosa des Porträts einer in Familienbanden gefangenen und zum Verstummen gebrachten Komponistin, das Kluges Tenor der Lebensläufe, Lernprozesse mit tödlichem Ausgang und Chronik der Gefühle verehrend-parodistisch imitiert. Oder an was sonst erinnern Floskeln wie ein sogenannter wechselseitiger sozialer und ökonomischer Verpflichtungszusammenhang und Sätze wie: Sie mußte der Härte des Seins trotzen, und ihre größte Tugend war, daß sie sich selbst treu blieb... Sie hat keine wirkliche Chance gehabt, die Verhältnisse zu ändern... Die blinde gewalttätige Tat, die fasziniert und sogleich abstößt war kein Zustand, sondern hatte Anfang und Ende, auch wenn das Ende schon ein neuer Anfang war. Korrektive emotionale Erfahrung? Der Klangrahmen ist hier wieder so konkret wie bei 1/3, Verkehrsgeräusche, Vogelstimmen, Schritte... Die Kluge-Connection wird freilich verwischt durch den märchenhaften und theatralischen Tonfall, dem russischen Akzent und durch die immer wieder dramatisch aufrauschende und in sich kollidierende Elektroakustik. Die Befreiung erfolgt durch Mord. Mit aufgesetzten Kopfhörern wurden sie erstickt aufgefunden. Wer nicht hören will muss sterben? Die rein klangliche Umsetzung der dramatischen und mörderischen Entwicklungen ist ein wahrer Höhepunkt in Mälzner & Richters Schaffen und ihrer Suche nach Wurzeln des nichtexistenten Zufalls. Die gewollt komische und betont groteske stimmliche Theatralik überzeugt mich dagegen weniger. Allerdings endet die Erzählung nach 40 Minuten und es bleiben noch gut 20 für ein schaurig temperamentbolziges Scatnudel-goes-plemplem-Comeback der Witwe, dem meine gegen Hohoho-Humor gerichtete Flak nicht gewachsen ist. GRAU-SAM.

rbd BAD ALCHEMY # 49, Germany

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Rockoper "Tommy" dekonstruiert und ins "Revolution 9"-Gewand gesetzt.
Noch lange nicht haben wir durchschaut, was Erik Mälzner und Jürgen Richter mit dieser mäandernd-archaischen Trilogie, die sie mit Hilfe von Michael Hinz, Ulrike Dommer, Annette Velske, Elena und Alex Ivanov eingespielt haben, aussagen wollen. Jedenfalls werden auf dem CD-Label jeweils ein „Tertil" einer Uhr gezeigt. Es ist das Rätselhafte, Kryptische, Surreale, das auch dieses NO EDITION-Werk auszeichnet und abhebt. Musikalisch beginnt dies durchaus eingängig, eine Art Freeform-Variante von Trans Europa Express, allerdings nicht aus dem Speisewagen der 1.Klasse sondern aus dem Maschinenraum. Dies geht über in die erzählte Lebensgeschichte eines sich im Kreis schließenden Lebens („Niemand beschäftigte sich mit ihm - mit dem Baby, mit dem Greis. „Tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang- wird als Mantra eingesetzt. Teil 2 ist eher doomig und wartet mit Sprechgesang der melodischen und instrumentalbegleiteteten Art auf, während Teil 3 spiralförmig unter Einbeziehung aller Register expandiert, sich verliert.., inhaltlich kein Resümee zulässt. Dem Minimalismus von NO EDITION in Ehren haltend, würde den interessierten Rezipienten eine Werkkommentierung des Hauses bei Zeiten freuen. Eine der geheimnisvollsten Monumentalwerke der Rockmusik im allerweitesten Sinne, hier ästhetisch, da anstrengend und so verschlüsselt wie „Karneval" von Bela Hamvas. Entdecken Sie dieses Meisterwerk für sich und lösen Sie das Rätsel. Ich selbst muss dies noch 5-10 mal anhören - es ist nahezu wie bei der Erschließung eines Philosophiebuches - erst mal den „Stallgeruch" holen, ehe Ockhamsches Rasiermesser oder Cartesische 4 Regeln zum Zuge kommen. Der quantitative Output von EM und JR wird ohnehin nur von wenigen übertroffen, nennen wir mal Merzbow als Benchmark. Insofern ist die „Graue Reihe" fast schon eine Monthly Soap der avantgardistischen postmoderne, des disziplinierten Bruitismus, der strukturierten Kakophonie. Unvergleichlich allemal! Und wer kann dies von seinen Kunstwerken in der reizüberfluteten Zeit des ersten Fünftel des 21. Jahrhunderts schon mit Fug und Recht behaupten'?

Das dosierte Leben # 48, Germany

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